Liebe S!Dizens, vor knapp zwei Wochen habe ich die Messe Husum Wind besucht. Dort trifft sich alle zwei Jahre die Windenergieszene. Meine Mission in Husum: Am Thema „Überbauung“ basteln. Es geht dabei darum, die elektrische Infrastruktur wie Umspannwerke und Leitungen gemeinsam effizienter zu nutzen. In der bisher üblichen Berechnung der Kapazität von Netz und Netzverknüpfung werden Kapazitäten von angeschlossenen Kraftwerken einfach zusammengerechnet. Konkret: An einen 100 MVA Trafo passen 50 MW Wind und 50 MW PV und dann ist der Trafo voll. Weil bei uns meistens entweder Sonne scheint oder Wind weht, ist durch diese Logik das Netz zwar rechnerisch voll, physikalisch aber nicht. Der Bundesverband Erneuerbare Energien hat in einer Studie 2024 gezeigt, dass unser Netz im Wortsinn doppelt und dreifach genutzt werden kann: an den beschrieben Trafo passen demnach 125 MW Solar und 125 MW Wind, also das 2,5fache ohne groß Strom abriegeln zu müssen. Mit Speichern ginge sogar noch mehr. Bildlich gesprochen: Wir können mit wenig Aufwand aus einer Steckdose eine Dreifachsteckdose am Netz machen. Das sind großartige Nachrichten, da wir eine riesige stille Reserve in unserer Infrastruktur haben. Damit kann ohne zusätzlichen Netzausbau sehr viel zusätzliche Erzeugungskapazität zu erheblich geringeren Kosten angeschlossen werden. Das nützt allen, vor allem den Stromkunden. Diese Erkenntnis teilen inzwischen so gut wie alle Akteure im Markt. Die Meisten sind bereit, ihre Projektplanungen und Infrastrukturbestände offen und übereinander zu legen, um konkrete Kooperationschancen zu finden. Es entstehen Vertragswerke, erste Bausteine von Standards bilden sich. Auch seitens der Netzbetreiber soll in einigen Monaten ein Muster für einen „flexiblen Netzanschlussvertrag“ vorgelegt werden. Es kann losgehen! Also alles tutti, der Durchbruch steht vor der Tür? Neue, günstigere, regionale Erzeugungsanlagen, bessere Netze, günstiger Strom für alle? |
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Leider nein, denn die Stimmung in Husum war meiner Wahrnehmung nach ziemlich verhalten. Die Sorge in vielen Gesprächen: Es reicht nicht, Physik und Geld auf der Seite zu haben. Warum? Weil die Story von der großen, stillen Netzreserve und der super Möglichkeit, deutlich mehr günstige Erneuerbare zu bauen, leider so gar nicht ins Narrativ der Wirtschaftsministerin passt. Klar, das ist nur Spekulation. Aber sie erreicht mich. Eine Ministerin, deren Antwort auf alle Fragen stets „Gas“ oder „Gaskraftwerke“ ist, deren Strategiepapier offenbar bei RWE und Eon abgeschrieben wurde, könnte zum Bremsklotz werden. Nämlich dann, wenn die Netzbetreiber vorsichtshalber erstmal nichts tun, um es sich nicht politisch zu verscherzen. Schließlich hat das Narrativ von der „teuren“ Energiewende und „besser Gas verbrennen“ gerade ein kommunikatives Momentum. Im aktuellen gesellschaftlichen Klima sind energiepolitische Positionen ein definierender Teil der tribalistischen Identität geworden. Nicht nur bei Trump ist gegen Windmühlen kämpfen en vogue. Rechtsextreme Cancel Culture trifft Lokalpolitiker, die sich für Erneuerbare einsetzen. Der besoffene wirre Onkel wähnt sich im Mainstream. Für uns als Energiefachleute heißt das: Es reicht nicht, „nur“ recht zu haben. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das kommunikative Momentum zurückgewinnen. Zum Glück gibt es dafür jetzt eine gute Gelegenheit: Der Hamburger Zukunftsentscheid am 10. Oktober. Es läuft bereits die Briefwahl des Volksentscheids. Das Ziel ist relativ bescheiden: Hamburg soll – wie viele andere europäische Städte – bis 2040 klimaneutral werden, fünf Jahre früher als derzeit vorgesehen. Der Weg dahin soll mit jährlichen Zielen transparent gemacht und sozialverträglich gestaltet werden. Hinter dem Zukunftsentscheid steht ein breites Bündnis von Akteuren aus der Zivilgesellschaft. Die meisten Parteien haben sich leider dagegen positioniert. Ohne ins Detail zu gehen: Die Sorge der Politik scheint mir zu sein, dass zu viel Klimaschutz fürs Image und die nächste Wahl schädlich sein könnte. |
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Das handwerkliche Ziel der Initiative sind nun mindestens 265.000 Ja-Stimmen und auch die Mehrheit zu erringen. Meine Hoffnung geht weiter. Ich wünsche mir einen Erdrutschsieg. Ein deutliches Ergebnis wäre ein Signal, dass nicht nur die Fakten dafür sprechen, dass mehr Klimaschutz der Lebensqualität, Wirtschaft, der Gesellschaft, den Kommunen, der aktuellen und den kommenden Generationen dient. Es wäre vor allem ein Signal, dass man mit Klimaschutz Wahlen gewinnen kann. Und warum könnte das beim Zukunftsentscheid klappen? Hamburg ist eine progressive, relativ wenig polarisierte und wirtschaftlich sehr starke Stadt. Viele Unternehmen haben ein klares Klimaprofil und viele Familien leben direkt oder indirekt davon. Die Stadtgesellschaft hat bereits gute Erfahrungen mit Volksentscheiden gemacht (Rückkauf der Netze 2013). Ein bunter Kreis von prominenten Unterstützern sorgt für Aufmerksamkeit. Wie könnt ihr beitragen? Wenn ihr in Hamburg wahlberechtigt seid, dann wählt. Wenn ihr Hamburger kennt, die wahlberechtigt sind, sprecht sie auf den Zukunftsentscheid an. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt, jetzt müssen wir ihn reinmachen. Shift happens. Der Zukunftsentscheid ist in zwei Wochen die Chance auf den „Momentum Shift“. Ein Erfolg wäre ein motivierender Nachweis der Wirksamkeit von gesellschaftlichem Engagement in Sachen Klimawandel. Damit die Verfechter der Energiewende, auch und vor allem die in der Bundesregierung, endlich wieder Rückenwind bekommen. Vielen Dank fürs Lesen und bis bald, Euer Eike. |
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Inzwischen habe ich wieder etwas mehr Digitales in meinem medialen Konsum- und Kommunikationsverhalten. So freue ich mich, mit euch diese Neuigkeiten zu teilen. Podcast der Woche: Cleaning UpMichael Liebreich argumentiert für ein pragmatisches Re-Set der Klimadiskussion. Es geht ihm darum, lieber 90% schnell als 100% langsam zu erreichen. Er plädiert für ein Anpassen des 1,5 Grad Ziels auf ein realistisches Niveau. Er zeichnet nach, wie die vermeintliche Lösung „Wasserstoff“ oder „Technologieoffenheit“ ein politisches Mittel sei, um echte Lösungen zu verhindern. Vieles davon tut weh. Ich empfehle euch dringend, reinzuhören (wenigstens die ersten 30 Minuten). https://podcasts.apple.com/de/podcast/cleaning-up-leadership-in-an-age-of-climate-change/id1524683327?i=1000727923302 Event der Woche: Utility Summit 2025Am 2. Oktober schließt die Anmeldung zum Utility Summit 2025 – also fix noch eine Karte sichern. Im Zentrum steht die Frage, wie wir echte Freiräume für Transformation schaffen: Rund um die Zukunft der Energiewirtschaft, Plattformökonomie, KI, §14a EnWG, Smart-Meter-Rollout und Redispatch 2.0. Und alles im Blick auf die operative Umsetzbarkeit in der Praxis. – Und warum ist das wichtig? Na, weil Metti moderiert! 😉 👉 Teaser-Video gibt’s übrigens hier: https://youtu.be/-ED9wzXZymw Buch der Woche: Clearing the AirHannah Ritchie ist eine der Köpfe hinter „Our world in data“. Nach ihrem ersten Buch „Not the End of the World“ stellt sie in „Clearing the Air“ 50 Fragen und sucht in Daten nach Antworten. Gefallen hat mir, dass die Fragen neutral gestellt sind und damit kein „Wir“ gegen „Die“ unterstellen. Auf jeden Fall gibt es reichlich Daten und Argumentationshilfe für die alltägliche Diskussion zu Energiepolitik, Mobilität, Wärme und Klima. https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1073896196 Podcast der Woche II: Lage der NationFolgendes Szenario: Eine Koalition aus Oligarchen, Rechtsextremen, Libertären und Religiösen hat in den USA die Macht übernommen. Sie kontrollieren das Parlament, zunehmend die Justiz, die Medien, das Internet, schüchtern Universitäten und die Zivilgesellschaft ein. Kaum einer, am allerwenigstens die Wirtschaft, leistet Widerstand. Und nun nennen sie alle „Feinde“, die sich kritisch darüber äußern und wollen sich rächen. Tja, da stehen wir wirklich. Die Demokratie stirbt im Scheinwerferlicht. Die Lage der Nation hat mal geprüft, wie weit die USA auf dem Weg zur Autokratie sind und stellt fest: Mindestens 8,5 von 10 Schritten sind gemacht. https://lagedernation.org/podcast/ldn446-charlie-kirk-und-trumps-weg-in-die-autokratie-afd-gewinnt-bei-nrw-kommunalwahlen-russland-testet-eu-und-nato-mit-drohnen-eu-staaten-kaufen-gas-und-oel-in-russland-aufruf-wie-kommt-ihr-mit/?t=16%3A10 Video der Woche: Bernd das Brot goes to AmericaComedians scheinen die letzte große Bastion zu sein, die das Licht der Demokratie, der Menschlichkeit und der Wahrheit in Amerika verteidigt. Aber nicht nur das, sie sind ja auch qua Jobbeschreibung in erster Linie lustig. Und dieses Stück von John Oliver über Bernd das Brot („das deutscheste, was ich je gesehen habe“) ist das Lustigste, das ich in diesem Jahr gesehen habe. https://www.reddit.com/r/fernsehen/comments/1nnju3w/bernd_das_brot_bei_last_week_tonight/ |
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Eike kann eigentlich fast alles, aber leider nur ein bisschen. Deswegen freut er sich immens, mit vielen anderen tollen Menschen zusammen coole Dinge auf den Weg zu bringen. #ohneeuchistdoof
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