SIDweekly#175 – Probleme lösen sich von allein – oder durch die EU?
Probleme lösen sich von allein – oder durch die EU?
Liebe S!Dizens,
Was war das bitte für eine 180-Grad-Wende in letzter Minute? Habt ihr mitbekommen, was Bundesrat und Bundestag im November beschlossen haben? Und erinnert ihr euch an das Schreckensszenario, das ich vor vier Wochen im SID Weekly skizziert habe?
1. Sensation: Der Grünstrommarkt kann aufatmen – die Industrie-Flat für Erdgasstrom bleibt aus
Die EU erlaubt nur eine Subvention von maximal 50 % des Strombezugs von Großverbrauchern.
Stellt euch vor, die größten Apfelkäufer müssten ihre Äpfel nicht mehr am Markt erwerben, sondern bekämen sie zu einem staatlich festgelegten Preis. Genau so sah der Traum fossiler Lobbyisten zur Industriestrom-Subvention aus. Dieser Traum ist nun geplatzt: Die EU genehmigt nur 50 % Subvention – die restlichen 50 % müssen weiter am Markt beschafft werden.
Für den privatwirtschaftlich organisierten Grünstromhandel ist das entscheidend. Unternehmen werden diese 50 % natürlich möglichst günstig einkaufen – und das geht nur mit Sonne, Wind und Batterie. Die befürchtete Delle beim Ausbau großer EE-Projekte könnte damit ausbleiben.
2. Sensation: Bidirektionales Laden (Vehicle to Grid) kommt – 15 Jahre zu spät, aber immerhin
Nicht einmal Habeck hat das gegen den FDP-Widerstand geschafft!
Wir haben erst 3,5 % E-Autos auf der Straße – aber das sind schon 1,65 Millionen Fahrzeuge. Wenn 95 % davon mit 11 kW einspeisen könnten, ergäbe das 17,2 GW Leistung. Zum Vergleich: Die gesamte Leistung der deutschen Atomkraftwerke lag 1984 bei 17,7 GW, der Rekord 1989 bei 22,9 GW.
Merkste was? Das ist keine Energiewende-Homöopathie – das ist ein potenzielles Großkraftwerk.
Liebe Stadtwerke: Ignoriert das nicht. Sucht Kooperationen – z. B. mit The Mobility House. Dort gibt es das Modell „15.000 km pro Jahr gratis E-Auto fahren“ durch Wertschöpfung mit dem Stehzeug. Für euch bedeutet das aber auch: Euer Geschäftsmodell Energiehandel wird nun zusätzlich von der Autoindustrie angegriffen.
Apropos Auto: Der Nissan Leaf konnte schon 2010 bidirektional laden. Politisch war also nicht alles blockiert – vielfach fehlte schlicht der Wille der Autoindustrie. Tesla etwa bietet die Funktion bis heute nicht an; Garantieansprüche erlöschen teilweise schon bei der Entnahme einer einzigen kWh. Vermutlich müssen wir den Druck erhöhen, um die Freischaltung auch bei älteren Modellen zu erzwingen. Vielleicht ergibt es sich aber auch durch den Gebrauchtwagenmarkt – die Kaufprämie kehrt schließlich zurück.
3. Sensation: Nur noch 12 GW Reserve-Erdgas – und plötzlich unterscheiden sich Schwarz-Rot und Ampel kaum noch
Statt 20 oder sogar 34 GW Reserve-Erdgas sind jetzt nur 12 GW beschlossen.
Das hat direkte Auswirkungen auf Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit: Weniger Gaskraftwerke bedeuten, dass der Ausbau erneuerbarer Energien ungebremst weiterlaufen muss, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Das sagt nicht nur Luisa Neubauer oder Kathi Reichinnek – sondern explizit die Bundesnetzagentur sowie das Reiche-Gutachten.
In der 2.000-Einwohner-Gemeinde Pinnow (MV) ist das Fernwärmenetz nach 35 Jahren Investitionsstau komplett zusammengebrochen. Von drei Heizkesseln funktioniert einer gar nicht, einer verliert massiv Wasser, und einer schaltet sich ständig ab. Statt das Netz zu modernisieren und zu dekarbonisieren, plant die Gemeinde nun den Rückbau.
Dumm nur, dass MV Freiflächen-PV massiv blockiert – die günstigste Lösung zur Rettung des Wärmenetzes fällt damit weg.
Für wen spricht die DIHK eigentlich – für deutsche Betriebe oder für die internationalen Lieferanten fossiler Energien?
Mit ihrer neuen Positionierung gegen Energiewende und Klimaziele schließt sie sich ausgerechnet dem umstrittenen Verband „DIE FAMILIENUNTERNEHMER“ an. Besonders absurd: Viele Kommunen sind längst ambitionierter als der Bund. Und genau das kritisiert die DIHK plötzlich.
Auf Seite 2 ihres faktenresistenten Papiers heißt es: „Regionale Klimaschutzziele […] können vor Ort Innovationsimpulse setzen. Für den Klimaschutz in Deutschland insgesamt können sie jedoch nachteilig sein.“
Heißt also: Wenn eure Kommune Fernwärme, ÖPNV und E-Busse schneller dekarbonisiert, würde die Nachbarkommune aus Trotz extra ihr Erdgas behalten und die Dieselbusse nachts durchlaufen lassen? Wirklich?
Die DIHK überschreitet hier eine Grenze. Klimaneutralität 2045 war parteiübergreifender Konsens – außer bei der AfD. In Social Media werden die neuen DIHK-Positionen nun auffällig häufig von AfD-nahen Accounts geteilt.
Da wir unsere Beiträge ohnehin per Rechnung zahlen, können wir ein Zeichen setzen und den Beitrag 2026 aussetzen.
4. Sensation zum Schluss: Holt euch jetzt die letzten SID-Tickets!
Online gibt es noch welche – aber nicht mehr lange. Also los, ihr Geringenergiesierten!
Und eine Anekdote zum Schluss: Mein Vater erzählte mir, dass er sein Mofa früher „bidirektional“ geladen hat: Benzintank des Nachbarautos geöffnet, Schlauch rein, kurz angesaugt, Schlauch in den eigenen Tank – Vehicle to Vehicle, sozusagen.
Bleibt gesund, fahrt und heizt elektrisch, euer Felix.
Als radikalster Klimalobbyist klebt sich Felix NICHT auf die Straße, sondern in Aufsichtsratssitzungen von Stadtwerken und Rathäusern - um alle anwesenden vom Marktpotenzial erneuerbarer Energien zu überzeugen.
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