SIDweekly#178 – Heilsame Gespräche

Wenn die Tochter plötzlich Feedback gibt

Vor kurzem habe ich meinen Impuls-Vortrag über meinen Weg zum Klima-Aktivismus auf dem Impact-Festival vorbereitet, und meine 14-jährige Tochter so: „Mach‘ mal vor, Papa, ich geb‘ dir Feedback.“ Das hat sie dann getan, und es war ein gutes Feedback. Jetzt muss man dazu sagen: Meine Tochter war nicht immer begeistert von meinem Engagement für Klimaschutz. Oft hat sie die Augen verdreht, wenn ich davon erzählt habe. Umso berührender, auf einmal von der jugendlichen Tochter so auf Augenhöhe unterstützt zu werden – und vor allem ihre Anerkennung zu spüren.

Kennst du solche Momente? Egal, ob es die eigenen Kinder sind oder jemand anders, egal ob es eine gute Idee ist oder das beharrliche Dranbleiben an einer sinnvollen Sache: Es tut gut, wenn Menschen aus unserem Umfeld unsere Arbeit anerkennen und wertschätzen. Je mehr uns diese Personen bedeuten und je ehrlicher sie es meinen, desto mehr tut es uns gut. Denn ja, wir sind als Menschen so gestrickt: Wir leben, bewusst oder unbewusst, auch vom tieferen Sinn unserer Arbeit, und wir wollen darin gesehen und wertgeschätzt werden. Wir dürfen daher solche Momente ruhig auskosten – und andererseits auch mal proaktiv einer Kollegin unsere (ehrliche!) Wertschätzung ausdrücken über etwas, was wir an ihrer Arbeit schätzen. So entsteht eine andere Atmosphäre, die es wiederum den Anderen um uns einfacher macht, unswertzuschätzen.

Das Klima-Lied beim Schulfest

Meine andere Tochter (11 Jahre) hat vor kurzem beim Schulfest mit ihrer Klasse ein Lied aufgeführt. Aber nicht irgendeines: Ein mit der Klasse selbstgedichtetes Klima-Lied auf die Melodie vom K-Pop-Song „APT“, das sie sich mit ein paar Freundinnen ausgedacht hatte. Mit ihren Baum-Pflanz-Hemden stand die ganze Klasse da und performte. In mir eine Mischung aus Anerkennung und Stolz.

Das sind ganz besondere Momente, oder? Wenn wir merken, dass unsere Werte und das, wofür wir uns einsetzen, bei anderen Menschen ankommt und weiterwirkt. Das muss gar nicht bei den eigenen Kindern sein, sondern kann auch bei Kollegen oder Kundinnen sein – oder bei anderen Menschen, von denen wir gar nicht wissen.

Deine unsichtbare Wirkung

Jede und jeder von uns wirkt auf Menschen im eigenen Umfeld, auch wenn wir es manchmal gar nicht mitbekommen. Die Art, wie wir kollegiale Fairness leben. Mit welcher Beharrlichkeit wir an einem wichtigen Thema dranbleiben. Wie wir auch mal die eigene Komfortzone verlassen und zum Beispiel in einem Meeting die Frage aufwerfen, ob das, was wir da gerade entwickeln, wirklich Energiewende und Enkeltauglichkeit voranbringt – oder nur heiße Luft ist.

All diese Dinge hinterlassen bei anderen Menschen einen Eindruck. Manche werden dadurch inspiriert, selbst mehr für die eigenen Werte einzustehen. Und genau das brauchen wir heute mit unseren Klima-, Demokratie- und anderen Krisen mehr denn je.

Also vergiss nicht: Der Sinn deiner Arbeit ist nicht nur ihre unmittelbare Wirkung, sondern auch die Inspiration, die du durch das „Wie“ deines Schaffens für andere Menschen sein kannst!

Heilsame Gespräche

Einer der schönsten Effekte davon, persönliche Vorträge und Seminare über den Umgang mit der Klimakrise zu halten, ist, dass sich danach manchmal sehr persönliche Gespräche ergeben. Manche gestehen zum Beispiel, dass sie ebenfalls diese Krisengefühle empfinden und ratlos sind. Oder dass sie in ihrem Job noch zu viel alte-Welt-Logik spüren und daran etwas ändern wollen.

Ich empfinde diese Gespräche als heilsam, weil hier klar wird, wie sehr wir alle im gleichen Boot sitzen. Wir fühlen uns mehr verbunden und gemeinsam auf der Suche.

Können wir diese Art von Gesprächen nicht auch in unseren normalen Arbeitskontext holen? Im wöchentlichen Team-Meeting mal über unsere Sorgen und Ängste sprechen? Oder auch über unsere persönliche Freude – darüber, wo wir in unserer Arbeit Sinn empfinden? Wenn wir solch eine Kultur etablieren, dann entsteht mit der Zeit eine noch tiefere Motivation, echten Klimaschutz und Nachhaltigkeit voranzubringen. Und darüber hinaus werden wir resilienter als Team, weil wir Rückschläge besser verarbeiten können.

Wenn du jetzt sagst: „Ja, aber wie?“ – dann hier schon mal der Hinweis auf unseren Workshop auf dem SID 2026 Ende Januar in Lübeck:

https://talks.sid.earth/sid26/talk/H9LLQM/

Dort können wir diese Art von persönlichem Austausch direkt gemeinsam erproben – und ganz nebenbei spannende Gespräche über Sinn und Fallstricke im Arbeits-Alltag führen. Ich freue mich drauf!

Deine Jahresend-Fragen

Nun geht das Jahr schwer auf das Jahresende zu. Und da möchte ich dir gerne eine Frage stellen – und zwar ganz im positiven Sinn:

Worauf warst oder bist du stolz in diesem scheidenden Jahr 2025?

Anders gesagt: Welcher Erfolg oder welches Ereignis in deinem beruflichen oder persönlichen Umfeld gibt dir das Gespür von Sinn, das du dir in deinem Wirken wünschst? Na, hast du schon was, oder brauchst du einen Moment, um etwas zu finden?

Und wenn du solch ein Ereignis gefunden hast, dann direkt noch die Anschluss-Frage:

Wie kannst du im kommenden Jahr noch mehr aus diesem persönlichen Sinn heraus wirken?

Oder anders: Wie kannst du deine Arbeit (und auch dein Wirken über den Job hinaus) so umgestalten oder weiterentwickeln, dass du mehr von diesem persönlichen Sinn erleben kannst? UND, ganz wichtig: Welchen Schritt aus der Komfortzone musst du dafür vielleicht wagen?

Dabei ist es egal, was genau dein persönlicher Sinn ist, in welchem Bereich und ob im Unternehmen oder darüber hinaus. Nur du selbst weißt, was dir Sinn gibt und wie du ihn fördern kannst.

Kein Luxus-Thema

Jetzt kann es auch sein, dass es in dir so eine Stimme gibt, die sagt: „Ja, Thema Sinn, das klingt nice, aber das ist doch letztlich so ein Luxus-Thema für die, die keine anderen Probleme haben.“

Da möchte ich gerne widersprechen. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Demokratie in Gefahr ist und wo der Klimawandel quasi ungebremst voranschreitet, brauchen wir so viel Veränderung auf ALLEN Ebenen! Und dass diese nicht von der Politik alleine ausgeht, haben wir die letzten Jahre zur Genüge gesehen.

Es braucht also an ALLEN Stellen Menschen, die nach ihren inneren Werten handeln. Die auch mal Holzwege als Holzwege oder den Kaiser als nackt benennen. Und die andere Menschen begeistern und mitnehmen – für mehr Engagement für eine enkeltaugliche Welt. In der Energiewende und überall sonst.

Ich wünsche dir einen guten Abschluss dieses Jahres und ein neues Jahr mit viel Gespür für den persönlichen Sinn!

Tobias März, Speaker, Seminarleiter, Solar-Ingenieur

#Derguteinunserernähe