Liebe S!Dizens,
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Heute begrüßen wir einen Superstar unter den Menschen, die im Internet Sinn stiften wollen. Captain Futura arbeitet mit Grafiken für eine bessere Welt, das ist übrigens eine Top Weihnachtsgeschenkempfehlung. Er hat Ahnung und Meinung und überhaupt kein Talent, sich kurz zu fassen. Letztes Jahr war er beim S!D25 auf der Bühne, jetzt schreibt er uns einen Weelky. Danke dafür!
Und nun übergebe ich an den Captain: |
Liebe S!Dizens!
Wenn man ein Tisch mit vier Beinen auf einem unregelmäßigen Untergrund stellt und er wackelt, muss man ihn nur so lange vorsichtig drehen, bis er das nicht mehr tut. Funktioniert immer, dankt mir später.
Wenn man versucht mit der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung eine stabile Basis zum Tippen für diese Newsletter zu bekommen, kann man allerdings sehr lange drehen und es von allen Seiten betrachten. Funktioniert nicht.
Wer die Energiepolitik schon ein paar Jahrzehnte länger betrachtet, hat eine Ahnung warum: Energiepolitik von Unionsministerinnen und Regierungen hatte noch nie eine stringente Linie oder Vision, nicht mal so richtig im Schlechten. |
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Sie war schon immer mehr Reaktion als Aktion und vor allem Reaktion auf das, was sich in den Lobbyzentralen der großen Energiekonzerne abspielt. Das erste EnWG damals? Das war ziemlich offen einfach das, was die großen Vier damals auf ihrem Wunschzettel voRWEggenommen hatten.
Einzig das Eingreifen der Bundesländer verhinderte die große Bescherung, merke: Nicht alles ist schlimm an Föderalismus. Manchmal geht im Kleinen das, was im Großen nicht klappt. Wie wenn Stadtwerke das einfach mal machen, was laut großer Energieversorger noch auf Jahrzehnte unmöglich ist. Dann kam Rotgrün, dann kam das EEG und sowas wie eine Vision und danach dann wieder 20 Jahre Gewurschtel.
Auf die Füße gefallen ist das aber natürlich nicht der Union, sondern Habeck, dem die toxische Gemengelage aus nicht gemachten Hausaufgaben und der gehässigen Weltpolitik eine Krisendichte bescherte, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Unionsregiert und SPD-legiert russifizierte Gasspeicher wurden von Habeck wieder mühsam eingedeutscht und Altmaiers Verhinderungsbürokratie gerodet, um die Energiewende aus dem Dornröschenschlaf wachzuküssen. Die Union hatte derweil nichts Besseres zu tun, als ihm das nötige Geld für weitergehende Visionen wegzuklagen und auf allen Kanälen über Dunkelflauten und Blackouts wehzuklagen.
Zwar kam der BILD-Blackrock-Blackout natürlich nie, die deutsche Stromversorgung bleibt eine der sichersten und zuverlässigsten der Welt, aber die Angst blieb und Habeck ging. |
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Und schon war die Union wieder da, wo sie nach ihrem Selbstverständnis hingehört, um dort wie üblich nichts selbstbestimmt zu tun. Das Ergebnis ist altbekannte bräsige Planlosigkeit, verbrämt als „neuer Realismus“ und „Abkehr von der Ideologie“. So ersetzt die Union überteuerte Erdkabel-Ideologie durch Freileitungs-Realismus, dabei waren ihre zumeist südlichen Ministerpräsidenten die Urheber dieser Ideologie, die sie nun selbst bekämpft, als wären Erdleitungen auch nur „Radwege in Peru“. Also die „Radwege in Peru“, die ein CSU-Minister einst beschloss zu fördern, auf dass sie später von seinen Erben als angeblicher „Irrsinn der Grünen“ bekämpft werden konnten.
Natürlich kommt die Union damit durch, weil sie die Leerstellen geschickt mit versteckter Kontinuität füllt. Groß aufgeblasene Gaskraftwerks- und Industriestrompreispläne sind längst auf die bescheidenere Vorarbeit von Habeck zurückgefallen, nur eben gekürzt um das, was tatsächlich in die Zukunft geführt hätte. Kurzfristig sichert dieses Vorgehen Wahlen, füttert aber dabei das Monster Politikverdrossenheit, das genau wie „billiges Erdgas“ mittel- bis langfristig bei der AfD einzahlt. |
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Man könnte der Union zu Gute halten, dass es vielleicht tatsächlich nicht die beste Idee war, mitten in eskalierender Klimakrise zuerst die AKWs abzuschalten, aber wer diese NACH der Wahl nicht wieder hochfährt, sollte VOR der Wahl nicht so tun. Und wer selber den Großteil der AKWs abgeschaltet hat, ist alles außer glaubwürdig. Strom aus abgeschriebenen AKWs ist - sofern man alle Unwägbarkeiten kleinrechnet - günstig, Strom aus neuen muss z.B. bei Hinkley Point C bereits vor Fertigstellung mit fast 15 cent pro kWh Einspeisevergütung staatlich garantiert werden. Der deutsche Industriestrompreis liegt bei 7 cent pro kWh, es bleibt Geheimnis von Merz, Söder und co. wie sie damit rechnen konnten, dass Atomkraft die deutsche Industrie retten würde. |
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Aber durch diese ständigen populistischen Angriffe und Wahlkampf-Fakenews haben wir heute das irritierende Phänomen, dass die Energiewende, diese einzige schlüssige Vision für ein Land, das bis auf Braunkohle keine nennenswerten Energierohstoffe hat, täglich neu abgesungen wird, während sie faktisch von Erfolg zu Erfolg eilt.
Denn „Grundlast“, „Primärenergie“, „Strom kann man nicht speichern“ - die Narrative des ersten lobbygeschriebenen EnWG bleiben merkwürdig prägend und präsent in den deutschen Köpfen und Kommentarspalten. Sie verhindern so selbst in Zeiten von enormen Fortschritten bei Batterietechnologie und Erneuerbaren die Erfolgswahrnehmung. Weil sie diese Erfolge an den völlig falschen Skalen künstlich klein messen. So erzählen einem täglich pensionierte Ingenieure in allen Kommentarspalten von LinkedIn bis Facebook, dass Deutschland ja erst lächerliche 20 % der Primärenergie durch Erneuerbare decken würde - als müsste man die rund 65 % Wärmeverluste bei der Kohleverbrennung durch erneuerbaren Strom mit decken. Muss man natürlich nicht, sollte man sogar nicht, heiße Luft haben wir ja schon genug aber wenn Wärmepumpe selbige im Verhältnis 4:1 aus kalter gewinnt, meint mancher halbinformiert die Gesetze der Thermodynamik verletzt.
Die gleichen Leute, die also nicht verstehen, dass Wärmepumpen pumpen und nicht erzeugen, sind aber gerne überzeugt, dass Wasserstoff im Heizungskeller die Zukunft ist, oder E-fuels im Auto. Sie liegen damit nur 5:1 oder 7:1 oder 10:1 hinter der Realität, aber mit genug falscher Überzeugung wird aus allem Technologieoffenheit wie bei den Rittern der Kokosnuss. Pferd oder aufeinander geschlagene Kokosnusshälften, klingt doch beides erstmal gleich! Und so hüpft diese vielbeschworene Technologieoffenheit dank der Marktkräfte längst mehrfach besiegt wie der schwarze Ritter auf einem Bein, aber hey: „Einigen wir uns auf unentschieden?“
Man wäre so gerne weiter in dieser Diskussion und muss doch immer noch die Basics vermitteln. Das ermüdet und so steht auf meinem Wunschzettel vor allem eins: Wenn es drei Geister gibt, mögen sie doch einfach mal im Wirtschaftsministerium vorbeischauen und klar machen, dass man mit öffentlich-populistischem Festhalten an Vergangenem nicht mit der Gegenwart in eine verklärte Vergangenheit zurückkehrt, sondern einfach nur die Zukunft verspielt.
Im längst anlaufenden chinesischen Zeitalter bräuchten wir dringend so etwas wie einen energiepolitischen Grundkonsens über alle demokratischen Parteien hinweg, bei dem jeder mal etwas an den Stellschrauben nachjustieren darf, aber ansonsten die Erneuerungsmaschine halt mal laufen lässt. Könnten wir von Dänemark lernen. Oder von so manchem Stadtwerk, dass tatsächlich eine Vision in Planform hat und diese auch langfristig durchzieht, weil es das Wort Daseinsvorsorge nicht nur buchstabieren kann, sondern auch durchdringt. Was wir uns nicht mehr erlauben können sind weitere Jahre des Kaputtredens, in denen alle VORGEBEN wie wild am Steuerrad zu drehen, während sie den Kahn faktisch einfach ideenlos weitertreiben lassen.
Denn China hat eine Vision und einen Fünfjahresplan und setzt beides absolut gnadenlos um. Und wir spielen in dieser maximal eine Rolle in der Vergangenheit. Unsere Zukunft müssen wir uns schon selber erkämpfen und das geht nur wenn wir unsere Energie nicht gegen- sondern miteinander einsetzen. Und 2026 möchte ich einfach endlich mal über Dinge reden, die uns wirklich weiter bringen, statt weiter mit den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen. Wie bekommt man Biogasverstromung endlich netzdienlicher hin und raus aus der Grundlast? Wie sichern wir die seltenen Dunkelflauten möglichst günstig und klimaschonend ab? Wie schafft man es all die Fehlanreize aus dem Strommarktdesign zu bekommen, das z.B. weiterhin einen virtuellen Stromsee vorsieht, wo ganz reale Engpässe zwischen den Energiezu- und Abflüssen sind? Wie und wo bekommen wir Speicher so ins Netz integriert, dass sie den Anteil der Erneuerbaren absichern und boosten und teuren Netzausbau sparen? Es gibt 100.000 hochspannende Baustellen im Haus der neuen Energie, es wäre wirklich hilfreich wenn relevante Teile der Politiklandschaft nicht ständig versuchen würden die Fundamente zu sprengen.
Denn genau wie meinen Tisch zum Tippen, den ich inzwischen erfolgreich wackelfrei hingedreht habe, müssen wir die Energiepolitik nicht ständig neu erfinden, wir müssen nur den richtigen Dreh rauskriegen.
Liebe Grüße, euer Captain Futura |
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