Erschöpfung

Liebe SIDizens,

der Wecker klingelt, die Apple Watch meldet etwas mehr als acht Stunden Schlaf und bescheinigt uns eine gute Nacht. Das Wasser ist getrunken, die Nahrungsergänzungsmittel stehen bereit, später folgt noch Sport. Schon vor dem ersten Termin haben wir fast alles erledigt, was uns seit Jahren als gesund und leistungsfördernd empfohlen wird.

Der gesunde Lebensstil steht, zumindest auf dem Papier.

Und trotzdem ist da diese Erschöpfung, die nicht in den Beinen sitzt, sich von keiner Uhr messen lässt und auch nach einer weiteren Stunde Schlaf nicht verschwunden wäre. Die Apple Watch hat nicht gelogen. Sie hat nur eine Frage beantwortet, die kleiner war als unser Zustand.

Man kann ausgeschlafen und trotzdem erschöpft sein.

Ich meine nicht die Müdigkeit nach einer kurzen Nacht, sondern diesen Zustand, in dem die Dinge mehr Kraft brauchen, als ihre eigentliche Größe vermuten lässt. Eine Nachricht, die in fünf Minuten beantwortet wäre, liegt stundenlang offen. Ein weiterer Termin fühlt sich schon vorher wie etwas an, das anschließend erst einmal verarbeitet werden muss.

Dabei funktionieren wir oft erstaunlich gut. Wir arbeiten, kümmern uns um andere und halten den Alltag zusammen. Von außen ist kaum etwas zu sehen, während innen immer weniger Platz für das Nächste bleibt.

Die Gegenwart wartet nicht

Noch bevor der erste Kaffee getrunken ist, liegt die ganze Welt auf dem Display. Kriege, Zölle, Energiepreise, politische Rücktritte und die nächste Empörung erreichen uns, bevor wir das Vorherige verstanden haben.

Wir sind nicht nur vom Sprechen erschöpft, sondern auch vom Zuhören. Oft hören wir nicht mehr zu, um einen Gedanken zu verstehen, sondern warten auf die Stelle, an der wir widersprechen können. Irgendwann fühlt sich jedes Gespräch wie eine Prüfung an, für die man bereits vor dem ersten Satz die richtige Haltung mitbringen soll.

Social Media und KI treiben uns vor ihnen her: FOMO & Erwartungshaltung

Dabei verbrauchen wir eine Ressource, die in keiner Bilanz auftaucht: die Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben und einem Menschen lange genug zuzuhören, bis seine Sicht nicht mehr in unsere vorbereitete Schublade passt. Kommt euch bekannt vor? Schon nervös?

Jede Generation hat ihren eigenen Grund

Für viele Jugendliche liegen Schule, Freundschaften, Nachrichten und der Blick auf den eigenen Körper auf demselben Display. Social Media lenkt ab und verkürzt die Erholung, ist aber gleichzeitig Zugang zu Wissen und Gemeinschaft. Wer daraus nur „Handy weg“ ableitet, hat einen Teil des Problems verstanden und einen anderen ignoriert.

Viele junge Menschen blicken pessimistisch auf die Zukunft Deutschlands und der Welt, glauben aber weiterhin an ihre eigene. Sie trauen sich offenbar mehr zu als den Strukturen, in denen sie zurechtkommen müssen. Das ist beeindruckend, klingt aber auch nach sehr viel Verantwortung. Und irgendwie beängstigend.

Die Älteren erleben eine andere Erschöpfung. Ihnen wird erklärt, welche Probleme ihre Generation verursacht habe, während von ihnen gleichzeitig erwartet wird, länger zu arbeiten, Wissen weiterzugeben und ein System zu stabilisieren, das durch ihren Übergang in den Ruhestand erheblich unter Druck gerät. Das Wissen kann KI noch nicht auffangen, wird es aber müssen.

Vielleicht erschöpft uns auch, dass wir immer wieder auf eine Generation reduziert werden, obwohl das Leben deutlich unordentlicher ist.

Die Ideen liegen längst auf dem Tisch

Auch die deutsche Industrie wirkt erschöpft. Nicht, weil niemand mehr arbeiten oder etwas verändern möchte. Das alte Geschäft muss lange genug funktionieren, um den Umbau zu finanzieren, während das neue eigentlich bereits wettbewerbsfähig sein müsste. Gleichzeitig verändern sich Märkte, Handelsbedingungen und politische Vorgaben in einer Geschwindigkeit, die langfristige Investitionen erschwert.

Wir werden vom Morgen überfahren und stellen fest, dass es schon ein Heute geworden ist.

Die Politik kündigt Beschleunigung und Entlastung an, während Unternehmen, Stadtwerke und Kommunen erleben, dass aus jedem Förderprogramm zunächst ein weiterer Prozess entsteht.

Bürokratie hat einen Grund. Sie soll Entscheidungen nachvollziehbar machen und vor Willkür schützen. Erschöpfend wird sie aber dort, wo sich Absicherungen übereinanderlegen, ohne dass alte Regeln verschwinden, und jeder Schritt erneut beweisen muss, dass er erlaubt, finanziert und ausreichend dokumentiert ist.

Selbst Joghurt hat ein Verfallsdatum, warum Vorschriften nicht?

Viele Stadtwerke, Städte und Kommunen brauchen gerade überhaupt keine neuen Ideen. Die liegen längst auf dem Tisch und häufig sogar auf der Hand.

Die eigentliche Herausforderung beginnt danach: Wie strukturiere ich das? Wen hole ich dazu? Wie bekomme ich es intern durch? Und wie halte ich es über Jahre am Laufen, wenn Zuständigkeiten wechseln, Förderperioden enden und die erste Begeisterung einem normalen Arbeitsalltag gewichen ist? Und warum verbringe ich mehr Zeit mit Rechtfertigungen, als mit Lösungen?

Lasst mich doch einfach mal machen!

Die Antworten darauf entscheiden, ob die Energiewende vor Ort gelingt. Was fehlt, ist häufig nicht die nächste Vision, sondern die Kraft, nach der Entscheidung über Jahre verantwortlich zu bleiben.

Vielleicht sind wir also nicht erschöpft, weil uns grundsätzlich die Kraft fehlt. Ein großer Teil dieser Kraft steckt in offenen Vorgängen, unnötigen Reibungen, dauernder Erreichbarkeit und der Erwartung, zu allem sofort eine fertige Meinung haben zu müssen.

Die Kraft geht selten vollständig aus. Sie wird verschüttet.

Könnt ihr noch?

Wir glauben schon. Wir spüren es auch.

Genau deshalb gibt es den SID seit Jahren und inzwischen weit mehr als 2.500 SIDizens, die dazugehören. Nicht weil der Energiewende noch eine weitere gute Idee fehlt, sondern weil Menschen gebraucht werden, die Erfahrungen teilen, voneinander lernen und gemeinsam an der Umsetzung bleiben. Die einander zuhören.

Der SID27 findet am 14. und 15. April 2027 im CORE Oldenburg statt, diesmal im Frühling statt im Winter.

Der Ticketshop ist geöffnet, zunächst mit Early-Bird-Tickets. Auch unser Partnerguide ist online. Mitte September startet der Call for Participation.

Der SID27 soll der Ort sein, an dem die verschüttete Kraft wieder hochkommt.

Euer Torben