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SIDweekly#143 – OMR Spoiler

A new AI-ra

Liebe S!Dizens,

nächste Woche steigt das OMR Festival in Hamburg, und ich bin ganz tief im Tunnel. Gemeinsam schrauben meine Kollegen und ich gerade an der 9ten Auflage der State of the German Internet Keynote. Es wird insgesamt viel am 6. und 7. Mai geboten: Tausend Aussteller, Top Experten, A-, B- und C-Promis, Masterclasses und großartige Konzerte. Kommt unbedingt vorbei! Unter den 800 Speakern finden sich Perlen wie Nick Turley aus Itzehoe. Er ist “Mr. ChatGPT“ bei OpenAI und tatsächlich hauptverantwortlich für das global dominante AI Interface.

Und damit sind wir auch mitten im Thema: AI. In diesem weekly geht es darum, wie künstliche Intelligenz die Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden verändert. Es ist ein bisschen die Backstory der diesjährigen Keynote, in der Stadtwerke Edition.

Die Geschichte beginnt am Anfang der Internets. Es ist als ein Ort gestartet, an dem es für viele nahezu kostenfrei möglich war, Dinge zu veröffentlichen: www.mywebsite.com Nach einer Weile kamen dann strukturierende Plattformen wie Google oder Amazon auf, die geholfen haben zu finden, gefunden zu werden und später auch mit der Aufmerksamkeit Geld zu verdienen.

Das war sehr praktisch, hat aber auch dazu geführt, dass immer mehr Inhalte erzeugt worden sind, um die jeweiligen Algorithmen zu beeindrucken, mit dem alleinigen Zweck Sichtbarkeit zu erzeugen: SEO Texte und Keywords sind augenfällige Beispiele, die sich nicht ohne Grund außerhalb des normal sichtbaren Bereichs befinden. Clickbait in allen Formen („Was ist besser: Hund oder Katze?“) gehört ebenfalls dazu.

Das Netz ist durch den Kampf um (algorithmische) Aufmerksamkeit nicht gerade besser geworden. Enshittification war zuletzt das Wort des Jahres. Die Zeit übersetzt es frei mit Verschlimmscheißerung. Ehemals digitale Trendsetter treffen sich inzwischen in Offline Clubs und zahlen Geld, damit sie für zwei, drei Stunden von ihren Handys getrennt werden, um in kleinen Gruppen zu spielen, basteln oder häkeln.


In den letzten Monaten zündet AI nun den Turbo-Boost. Content ist kostenfrei erstellbar und flutet massenhaft das Internet. Es sind nicht nur lustige Actionfiguren und Bilder im Ghibli-Stil. AI-unterstützt werden im großen Stil Bewerbungsbilder geschönt und Bewirtungsbelege gefälscht. Vor allem die Welle von Betrug und Betrugsversuchen hat ganz praktische Auswirkungen.

Mein medienschaffender Kollege Martin berichtet, dass er so wahnsinng viele seht überzeugende Spam- und Scam-Mails von 1&1 bekommen hat, dass er lieber gar keine mehr öffnet. Sein Internet- und Telefon Provider hat somit die Möglichkeit verloren, mit ihm in Kontakt zu treten. Aber nicht nur Kunden werden mit immer geschickteren Betrugsversuchen überzogen. Noch schwieriger ist es für Behörden, Versicherungen, Banken oder Versorgungsunternehmen sicherzustellen, dass sie nicht gerade von vermeintlichen Kunden über den Tisch gezogen werden.

Einwohnermeldeämter akzeptieren nur noch Passbilder von eigenen Automaten (und wenigen lizenzierten Fotografen), um halbwegs sicherzustellen, dass es echte Bilder sind, anhand derer wir wiedererkannt werden sollen. Meine Bank bittet anlassbezogen nach und nach ihre Kunden zurück in die verbliebenen Filialen, um ihre Identität zu verifizieren.

Das sind keine guten Neuigkeiten für rein digitale Anbieter. Für alle andern liegt darin eine Chance. Beide Seiten, Unternehmen und Kunden, haben den Wunsch und die Notwendigkeit, von Mensch zu Mensch miteinander zu kommunizieren, um sich der wahrhaftigen Existenz des Gegenübers zu vergewissern. Der Trend geht zum persönlichen Jahresgespräch.

In der Onlinemarketing-Welt werden teilweise horrende Summen für einen Klick oder gar einen Lead gezahlt. Für Stadtwerke stellt sich die Frage: Was seid ihr bereit für 15-20 Minuten „facetime“ mit euren Kunden zu investieren, wie sieht der Ort dafür aus, und worüber möchte man mit den Kunden sprechen und wie könnte dieses Gespräch gestaltet werden?

Vor zwei Wochen habe ich von der Bündelung der Schnittstelle zwischen den Stadtwerken München und ihren Kunden im „M-Login“ geschrieben, über den sehr viel Kommunikation und Transaktion stattfinden kann. Ich glaube, die digitale Schnittstelle sollte durch einen Ort der persönlichen Begegnung ergänzt werden. Denn dort kann über all das gesprochen werden, was nicht „business as usual“ ist. Darüber sollten meiner Ansicht nach nicht nur die Münchner, sondern alle Stadtwerke nachdenken.

Die nächste Entwicklungsstufe der künstlichen Intelligenzen zeichnet sich ab. Es wird vermutlich Agentic AI sein: Unternehmen werden ihre Agenten auf die Welt loslassen und ihre eigenen Interfaces für kundenseitige AI Agenten optimieren, die für uns Informationen sammeln, Preise vergleichen, Angebote einholen und Dinge kaufen.

Und da kommt mir eine zweite Idee, fast schon eine kleine Utopie: Wir wäre es, wenn wir alle, also wirklich ALLE, eine ganze Woche Digital Detox machen? One week off!

The digital show would go on: Das Internet würde gar nicht viel davon mitbekommen, dass keine Menschen mehr da sind. Die Bots und Agenten sind ja da und werden weiter posten, liken, sharen, kommentieren und kaufen. Und wir wären gemeinsam im Hier und Jetzt, niemand würde etwas verpassen.


One week off. Was meint ihr?

PS: Diese Woche gibt's keinen bunten Strauß an Neuigkeiten im weekly. Wegen des OMR Tunnels, siehe oben. Die “State of the German Internet 2025” Keynote ist nämlich noch gar nicht fertig, und die Zeit rennt. Wir lesen uns in zwei Wochen, dann mit dem OMR Recap.

Passt auf euch auf,
liebe Grüße,

Euer Eike

Eike kann eigentlich fast alles, aber leider nur ein bisschen. Deswegen freut er sich immens, mit vielen anderen tollen Menschen zusammen coole Dinge auf den Weg zu bringen.


#ohneeuchistdoof

weekly@sid.earth

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